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9. Raid Laponie 2002

ZIEL: NACH HAUSE KOMMEN

Ich konnte mir nicht vorstellen, was mich erwartet, da ich noch nie in Skandinavien war. Die begeisterten Berichte der vorherigen Teilnehmer klangen immer so ein bisschen nach: "Naja, wir haben’s gemacht, war doch schön, oder?" Fisch esse ich auch keinen, also was soll’s?

Eine genaue Schilderung der Reiseetappen erspare ich mir... und euch. Lieber ein paar persönliche Eindrücke.

Endlich wähnt sich der Lappe sicher vor Touristen, denn die gibt es im Winter hier oben nicht, doch da tobt plötzlich ein Rudel Enten (e derivate) im Februar in Finnland umher. "Die schon wieder; alle zwei Jahre dasselbe, man wird hier bald nicht mehr in Ruhe Schlitten fahren können! Was WOLLEN die eigentlich?"

Diese Frage stellte ich mir auch als Ersttäter bei der Raid Laponie, mehr oder weniger verführt durch begeisterte Erzählungen und Lockungen, doch auch in die Schar der "Superfins" aufgenommen wollen zu werden zu sollen oder so.

Also gut, also gut, ich mach' mit.

Um überhaupt an die Orte des Geschehens zu gelangen, muss Europa schon halb durchquert werden. Grob: Saarbrücken, Kiel, Göteborg, Stockholm. Miesestes Nebelwetter sorgte die ersten fünf Tage für gedrückte Stimmung. Dann wurde es aber gleich lustiger: Von Schweden nach Finnland wählten wir die Route über die Åland-Inseln, was sechs Fähren bedeutete, von zwei Stunden Überfahrt "Was poltert denn da so?" "Eisschollen" "Ach so, dann is' ja gut!" bis zu Fähren von 300 Metern Länge, also die Strecke, der Abstand, wie soll ich denn sagen; es fehlt manchmal ein Stück Straße, per Telefon wird der Fährmann geweckt, das Schiffchen erscheint und bringt fünf Enten auf die andere Seite.


Neulich in Norwegen

Die Landschaft verhält sich unauffällig, wir müssen schon nach ihr Ausschau halten. Schnee, war eh klar, Bäume sowieso, wenn etwas ganz flach und ganz weiß ist, dann handelt es sich um einen See, zugefroren natürlich. Das verblüffende ist, dass ich nach ein paar Tagen diese Landschaft für selbstverständlich halte, für das Normale.

Morgens der erste Blick auf das Außenthermometer, mit dem alle Häuser ausgestattet sind: "Hmm, minus 14°C..." Man lernt, schon jetzt abzuschätzen, wie viele Kleidungsschichten heute anzulegen sind, welche Mütze, welche Handschuhe. Sehr beliebt bei den Ententreibern sind verrückte Filzhüte, z.B. mit Hörnern oder im Seeigel-Design.

Nach dem sorgfältig eingenommenen, guten Frühstück geht's los. Die Tagesetappen liegen zwischen 210 und 530 km ("Unbedingt in Salla voll tanken, sonst kommt ihr von Naruska nicht wieder zurück!")

Das Fahren auf Eis oder Schnee oder Eis mit Schnee oder einer der 28 katalogisierten Mischformen erfordert außer Reifen mir Spikes auch einen besonderen Seelenzustand, den die Skandinavier schon seit ihrer ersten Schwarzfahrt mit zwölf Jahren haben.

Eine gelassene Aufmerksamkeit, keine Angst sondern Respekt ist gefordert, Verkrampfung führt unweigerlich ins Abseits, Hektik ist überflüssig, ja schädlich. Auch das lernen wir und können voll Stolz notieren: "...mit 90 km/h über spiegelblankes Eis"!

Stundenlanges Fahren durch ein völlig weißes Land erzeugt eine Art Meditation. Die Luft ist klar und frisch und wird nur dann völlig undurchsichtig, wenn einer der zahlreichen Trucks entgegenkommt oder überholt. "Bremsen, was für Bremsen?"

Noch frischer, aber nicht klarer wurde die Situation in einem hübschen norwegischen Schneesturm, der waagerecht daher kam. Ein österreichischer Raid-Teilnehmer nutzte ihn, um die seltene Übung vorzuführen: Doppelte Entenrolle in den Graben. Nix passiert außer ein paar Beulen. Jaja, die Schutzengel!

Man fährt so ein, zwei Stunden dahin, plötzlich ein Haus; Licht brennt, Schornstein raucht: da wohnt also jemand! Aber warum? Wir haben diese Frage oft gestellt. Die Finnen verstehen die Frage gar nicht! "Na ja, die Familie wohnt schon sehr lange da".

Nach einer weiteren Stunde ein Schild "60 km/h". "Wieso?" - "Keine Ahnung". Nach weiteren 5 km ein Ortseingangschild – aber kein Ort ??? Dann - aha - ein Fußgänger, ein, zwei Häuser im Wald, eine Tankstelle, größere Städten prunken noch mit drei bis fünf Straßenlaternen.


Vorsicht, Fußgänger!

Die Tankstellen: Zentren der Zivilisation. Der müde Reisende und sein tapferes Gefährt werden erfrischt mit Kaffee, Donuts, Benzin und Öl, je nachdem. Dort gibt es alles: gefütterte Arbeitshandschuhe, Anoraks, Lakritz, gefütterte Overalls, Benzinschläuche, Schrauben, Lampen, Kondome, Lakritz, Sägen, Keilriemen für Schneescooter, gefütterte Mützen, Nähgarn, Kaffee, Seife, Beile, Cola, Brot und Lakritz.


Salmiak/Lakritz-Birnencidre von Nokia (!)

Die Lakritzomanie der Nordleute ist bisher ein ungelöstes Rätsel, aber ein Grund, in zwei Jahren noch einmal hinzufahren um weiterzuforschen. Dann werde ich auch herausfinden, wieso es Teer in kleinen Fläschchen zu kaufen gibt.

Die Organisation ist perfekt, die Spanne der Unterkünfte reicht vom Drei-Sterne-Hotel bis zur – geheizten – Turnhalle. Temperaturbeobachtungen sind hier natürlich sehr wichtig, es muss entschieden werden, ob das Bier abends mit reingenommen wird, denn eingefrorenes Bier wäre die Katastrophe schlechthin. Was sollten wir denn sonst nach der Sauna trinken und vorher und in der Sauna?

Die kleine Kamera übernachtete aus Versehen bei minus 13°im Auto ohne irgendwie beeindruckt zu sein.

Ein Höhepunkt der Reise war die Superfinn-Party, während der die Teilnehmer aus 10 (zehn!) Nationen ihre Superfinn-Urkunden erhielten *stolz* und den aus 40 Likören gemischten "Enough-Drink" überleben mussten, wofür einige bis 04.00 Uhr früh brauchten.

          

Plötzlich: Raid zu Ende!! So schnell? "Ja, noch so ein Monat hier, das wär' schon schön!" Bester Beweis, dass der Nordlandvirus zugeschlagen hat. Ja, ich war das erste Mal hier, nein, es war nicht das letzte Mal.

2-Tage-Fähre nach Hause (Helsinki-Travemünde) mit Sturm, dennoch waren am hervorragenden Büffet größere Fraßschäden zu vermelden.

In Norddeutschland fiel ein wenig Schnee, was zu häufigen Kaltverformungen der Bürgerkäfige führte: alle 5 km einer/mehrere im Graben oder kaputte Leitplanke oder Blaulicht. In drei skandinavischen Ländern: kein einziger Unfall außer dem selbstgemachten (s.o.).

Tja, wenn ein Haus 40 km vom nächsten entfernt steht, wenn es minus 30°C sind, wenn es monatelang nicht hell wird, wenn der Schnee waagerecht daherfegt, dann ... werden wir dort noch mal e bissle spazieren fahren.

Der Weg ist das Ziel.

Übrigens: Bloß keinen Kaffe in Schweden trinken: "Bääärks!"

Euer

Michael, sf

 

       
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