Tour de France oder wir lernen Schreiben
in 3 Tagen
Ich kann kein Französisch. Schon gar nicht
schreiben. Und ich fahre gerne auf Ententreffen. Was liegt da
näher, als auf einem Ententreffen schreiben zu lernen.
Lektion 1: Wie schreibt man "Tour der
France"?

Antwort: Mit 59 Enten. Aber der Reihe nach. Eines Tages klingelt bei mir
im Büro das Telefon. "Touristenbüro der Stadt Ottweiler.
Sie haben doch mal von einem Entenclub erzählt. Wie finde ich
den denn?" - "Nichts leichter als das, bin am
Apparat!" - "Oh, ah, äh ja - wir brauchen Enten. Wir
wollen 'Tour der France' schreiben!"
Das Ergebnis dieses Anrufs war das
außergewöhnlichste Ententreffen, das ich je (mit) organisiert
habe. Eigentlich hat es Gerrit Oestreich von der Stadt Ottweiler
organisiert. Die Action Ents und die Happy Ents haben ihm dabei
geholfen.
Die zweite Etappe des berühmten französischen
Fahrradrennens führte am Montag, den 8. Juli 2002 durch
Mainzweiler, ein Stadtteil von Ottweiler. Dort stieg eine große
Tourparty, und besonderer Gag war der Tour-Schriftzug aus Enten.
Ein Bauer stellte kostenlos seine Wiese an der Tourstrecke zur
Verfügung, die Stadt sorgte für die sanitäre Infrastruktur,
und Samstag lud sie die Entenfahrer sogar zum Grillen und zum
Bier ein!

Meine einzige Sorge war, ob wir am Montag
genügend Enten zusammenbekommen würden. Die Stadt hatte
kräftig die Werbetrommel für das 2CV-Treffen gerührt, doch
Freitag Abend waren nur 30 2CVs angereist. Samstag tröpfelten
noch einige mehr ein, aber wir waren immer noch weit entfernt
von den nötigen 59 Döschewos.
Sonntag gab es zum Zeitvertreib eine
Generalprobe. In Kurzschrift schreibt man Tour der France
"Le Tour". Dafür sind nur 28 Enten nötig. Innerhalb
von 15 Minuten standen tatsächlich die zwei Worte auf der
Wiese. Selbstlos wurden Schlafenten leergeräumt und auf die
Schreibwiese gefahren. Doch was würden wir Montag schreiben?

Als besonderen Leckerbissen hatte Gerrit (wozu
arbeitet man schließlich bei der Stadt) einen Korso in die
malerische Altstadt von Ottweiler vom Ordnungsamt genehmigen
lassen. Während die Enten auf dem Rathausplatz von den
Einheimischen bewundert wurden, zeigte Gerrit uns die schönsten
Ecken der Stadt auf einer kurzweiligen Stadtführung.


Im Schulmuseum musste ich auf den Strafesel, weil
ich vorher angeblich zu vorlaut gewesen war. Harte Sitten!

Als wir zu unseren Enten zurückkamen, wurden wir
vom Bürgermeister von Ottweiler und der
Bundesgesundheitsministerin begrüßt, die eigens angereist war,
um unseren Korso abzunehmen. Morgens hatte Bürgermeister Rödle
den Entenfahrern bereits mit dem Fahrrad seine Aufwartung
gemacht.
Gerrit fährt nicht nur Ente (Ahaaaa! jetzt
klärt sich so einiges!), sondern auch einen Feuerwehr-Citroën
von 1955, der offiziell auf die Stadt zugelassen ist. Eine
Ausfahrt im Mannschaftswagen war für alle Kinder auf dem Platz
der absolute Höhepunkt, auch wenn die Kabine nur ungepolsterte
Holzbänke hatte. Neben dem Ententreffen gab es ein
Mini-Feuerwehrauto-Treffen. Na, welches sind die echten?

Als wir zum Platz zurückkehrten, war die
Überraschung groß: Der erst letztes Jahr gegründete 2CV-Club
de Lorraine war mit zehn Enten angerückt! Mit
muttersprachlicher Hilfe fiel das Schreiben am Montag viel
leichter. "Tour de France" schreibt man "LE TOUR
2002", erläuterte Francis aus Sarreguemines. Doch
Schreiben allein genügt nicht, wenn man es nicht lesen kann.

Ein Hubschrauber muss her. Francis und seine
Leute entpuppten sich als wahre Profis. Vor den Fahrradfahrern
rollte ein mehrstündiger Werbe- und Pressekorso über die
Strecke. Mit einer riesigen Tricolore bremsten sie jedes
Fahrzeug ab und riefen den Fahrern zu, sie sollen auf die Enten
achten, die schreiben könnten. Manche lächelten, viele
schauten gar nicht hin. Einige hielten jedoch an. Diese hier
wollten wir gar nicht wieder fahren lassen:
 
Wichtig ist es, die richtigen Leute davon zu
überzeugen, dass man schreiben kann. Francis gelang es, ein
Kamerateam vom französischen Fernsehen anzuhalten und für
unsere Französischlektion zu interessieren. Während die
Radprofis vorbeirollten, stellten die Entenfreunde auf Ronnys
Feuerwehrente den Sturm auf die Bastille nach und bejubelten den
radelnden Pulk.


Das Fernsehteam informierte den Kameramann im
Hubschrauber, der unsere Botschaft in 180 Länder der Welt
schickte. Mehrfach, sogar in der Tagesschau, war eindeutig zu
lesen: LE TOUR 2002. Falls jemand vergessen hatte, worum es am
8. Juli im ganzen Saarland ging.

Ach ja: Zabel hat das gelbe Trikot nicht
bekommen, er ging trotz unglaublicher Begeisterung der Fans an
der Strecke als dritter ins Ziel. Nach Meldungen der Polizei
säumten über eine Million Besucher die Strecke. Das war
sicherlich die größte Fete, die im Saarland je gefeiert worden
ist. Die gute Stimmung war auch in Mainzweiler zu spüren. Einen
so herzlichen Empfang sowohl von der Bevölkerung, wie auch von
den Offiziellen der Stadt haben wir selten erlebt. Danke an
alle, die dieses einmalige Ereignis möglich gemacht haben!
Karsten Schreiber, Happy Ents Saarbrücken


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