Antwort von Ramona auf den Bericht von Gardi
aus Heft 3:
Sagenhafte Freunde aus dem Wessieland

Stimmt, es war im
Sommer 1984. Ich war damals gerade 23 Jahre. Meine Urlaubszeit
(meistens so 6 Wochen, da ich schon damals am Theater war und
wir die ganze Spielzeitpause über Ferien haben durften)
verbrachte ich immer mit einer Tramp-Tour von der DDR bis nach
Bulgarien ans Schwarze Meer. Im August waren wir auf der
Rücktour. Innerhalb der CSSR (so hieß sie damals noch)
trampten meine Freundin und ich mit dem Nationaltrainer vom
tschechischen Drachenfliegerverein von Bratislava bis Prag. Er
erzählte uns, dass sich die Drachenflieger am Wochenende in
Rana auf ihrem Platz zum Drachenfliegen treffen, und fragte uns,
ob wir Lust hätten mitzukommen. Gleichzeitig erwähnte er, es
finde an diesem Wochenende auf dem gleichen Platz auch ein
2CV-Treffen statt. Was ein "2CV-Treffen" ist, das
wussten wir beide absolut nicht, aber Drachenfliegen..... Ihr
müsst Euch vorstellen, wir DDR-Leute kannten Drachenfliegen nur
aus dem Fernseher oder von Fotos. Drachenfliegen war in der DDR
grundsätzlich verboten. Und schon deswegen mussten wir dorthin,
um die Drachenflieger zu sehen.
Außerdem hatten
wir noch Zeit. Als wir auf dem Platz ankamen, waren dort auf
einmal so merkwürdige Autos. Solche Autos hatten wir noch
niemals gesehen. Einige hatten hinten noch einen Kasten dran.
Einige hatten die merkwürdigsten Lackierungen... Es war richtig
klasse. Abends lernten wir dann auch noch die "Typen"
kennen, die diese Autos fuhren. Es waren so viele verschiedene
Länder vertreten, zu denen wir im Vorfeld kaum Kontakt hatten.
Es waren Österreicher dabei (auch schon Günther, der jetzt das
letzte Welttreffen in Österreich mit geleitet hat) oder Albi
aus der Schweiz oder aber auch Friedrich, ein Entenfahrer aus
der DDR, viele Tschechen natürlich und auch Dave aus Holland
und Gardi und Stefan Stengel oder Stefan Hirsch und Birgit aus
der BRD. Wahrscheinlich waren wir für alle anderen auch ein
bisschen exotisch, da wir gerade unsere 4000-km-Tramptour durch
den Osten hinter uns hatten. Aber genauso exotisch waren diese
Entenfahrer für uns.
Am meistens hat
uns die Gemeinsamkeit aller Nationalitäten beeindruckt. Alle
fuhren das gleiche Auto und deswegen waren alle schon irgendwie
auch innerlich verbunden. Morgens am Frühstück dachte man, man
wäre in einer großen Familie, dabei kamen alle aus so
unterschiedlichen Richtungen, so dass man sich wahrscheinlich
zum größten Teil nur ein- oder zweimal im Jahr traf. Aber
trotzdem waren alle so intensiv eng miteinander verbunden.
Für mich war
erst ab dem Moment klar, dass diese Wärme der Leute
untereinander nichts damit zu tun hat, was mir bis dato immer
von der "kapitalistischen" Welt erklärt wurde.
"Jeder kümmert sich nur um sich selbst. Wer Geld hat, der
hat das Sagen. Wenn Du unten durchfällst, dann musst Du allein
sehen, wie Du wieder aufstehst." Das war mein bisheriges
Bild vom Kapitalismus – aber dort auf diesem
"Ententreffen" in Rana... Das war wahre Freundschaft!
Und zwar international!
Okay... heute hab
ich auch schon bemerkt, dass trotzdem noch viel wahres dran ist
von dem, was ich erahnt habe, wenn man in einer Welt lebt, die
sehr materiell ausgerichtet ist. Aber man muss sich eben wie
überall seine Freunde suchen. Und Entenfahrer haben ihre
Freundschaften... :-)
Damals war für
mich klar, dieses Auto und diese Freundschaften, die ich dort
geschlossen hatte, das muss weiterhin zu meinem Leben gehören.
Es war eigentlich einer meiner wichtigsten Wendepunkte für mein
Leben – die Beziehung zur Ente und zu all denen, die diese
Leidenschaft mit mir teilen.
Und so begann
es....

Nach diesem
Wochenende ging ich innerhalb der DDR – zusammen mit Friedrich
aus Weißwasser, der ja schon ca. 3 Jahre vor mir die Liebe zur
Ente in der DDR entdeckt hatte – auf die Suche.
In Ostberlin
wollte tatsächlich einer eine Ente Baujahr 1968 für 10.000,-
Ostmark verkaufen. Aber woher sollte ich soviel Geld nehmen. Ihr
müsst Euch vorstellen, ein DDR-Bürger verdiente
durchschnittlich etwa 500 Ostmark im Monat. Für uns hat es
schon gereicht, denn der Lebensunterhalt war wirklich nicht
teuer, aber so viel Geld zusammen zu sparen, das ging mit 23
Jahren nun wirklich nicht.
Als ich mein
Problem Gardi und Dave erzählte, kamen sie auf die tolle Idee
mit den Aufklebern. Kristian (Entwurf) und Verner (Druck) aus
Dänemark haben die Aufkleber gemacht. Und die sie sind doch
wirklich toll geworden. (Siehe Motiv in Gardis Bericht in Ausgabe
3/2002). Ich habe Gardi 18 Flaschen Bitter (DDR Jägerschnaps)
gekauft. Er hat sie erst in die BRD und dann nach Dänemark
geschmuggelt. Kristian (6 Fl.) und
Verner (12 Fl.) machten dann aus Alkohol eine Ente...
Das Geld für die
Ente habe ich mir aber erstmal von einem Mitspieler der "Bördebrothers"
geborgt. Ich weiß nicht, wer sie schon mal erlebt hat. Das ist
eine Magdeburger Schauspielertruppe gewesen, die mit
"Blödelgesang" ziemlich oft durch die Gegend gezogen
sind. 1990, auf meinem ersten möglichen Besuch in
Rötgesbüttel, hab ich sie mitgebracht, und alle Entenfahrer
durften sie dort erleben. Ich glaube, die "Bördebrothers"
mussten damals ca. 2 Stunden lang Zugaben geben :-)
Jedenfalls gab
mir einer von denen das Geld und ich vereinbarte mit ihm eine
Raten-Rückzahlung. Gardi hatte unterdessen die Aufkleber fertig
und ließ sie in Dänemark drucken. Und dann erfolgte –
organisiert durch Gardi und Dave – eine
Wahnsinns-Verkaufsaktion der Aufkleber auf allen Ententreffen in
Deutschland. Und diesen Erlös tauschte Gardi dann 1:5 auf einer
westdeutschen Bank in Ostmark... Und stellt Euch vor, ich konnte
damit die Ente bezahlen :-)) . Das war ein Wahnsinn! Ich muss
mich noch mal bei allen, die diesen Kauf irgendwie mitfinanziert
haben bedanken.
Und jetzt lest
Euch noch mal durch, was ich früher über den
"Kapitalismus" gelernt habe. Was es dort eigentlich
nur für Egoisten geben soll... Und dann diese Aktion.... Kann
mir da irgendein ostdeutscher Bonze noch irgendwas weismachen?
Und weil ich das
natürlich alles erleben durfte und seitdem eine (ziemlich
rostige) Ente in der DDR fahren durfte und weil ich dann
jährlich zum Treffen nach Rana fuhr und weil mich auch dann
weiterhin Dave und Gardi und Stefan Stengel und Alfred oder Ralf
aus Köln oder irgendwann auch meine fast
"Adoptiv-Eltern" Jan Leo und Ans, immer und immer
wieder besuchten, deswegen... durfte ich natürlich auch 7 Jahre
lang nicht studieren... Tja... Ich hab mich zwar immer wieder
mit Bravur durch die Aufnahmeprüfungen gelotst, aber als es
dann zur Immatrikulation kommen sollte, da hieß es immer
wieder: "Leider können wir Sie aus Kapazitätsgründen
nicht immatrikulieren"! Aber es ging mir trotzdem nicht
schlecht. Im Gegenteil, ich hab unheimlich viele Freunde
gewonnen und ein wahres Wunderwerk an Erlebnissen gehabt...
Und das mit den
Freundschaften hörte ja nie auf.... Es wurden immer mehr und es
wurde vor allem immer intensiver. Ich kann heute, glaube ich, in
fast ganz Deutschland oder in anderen Ländern nachts Freunde
anrufen, die mir zuhören und denen ich was erzählen kann und
die sich Zeit für mich nehmen. Und alle haben eins gemeinsam:
Sie fahren Ente!
Mittlerweile bin
ich 40 J ahre, Gardi ist
schon 50, Dave braucht auch nicht mehr lange... aber man hat
einen gemeinsamen Nenner, auch wenn die Besuche, ob durch
Krankheiten oder durch Stress oder oder oder (bei Dave
hundertprozentig auch, weil die Einreisen in die DDR einfach
nicht mehr so spannend sind :-) nicht mehr so häufig sind wie
vor fast 20 Jahren (da hatte ich wirklich immer 7-8 mal im Jahr
Besuch)... aber wenn ich jetzt meine ersten Freunde aus der
Entenszene treffe, dann ist es so, als träfe ich meine Brüder!
Danke Dave und
Danke Gardi, dass ihr irgendwie meinen Lebenslauf mit bestimmt
habt!
Ramona Schramm
(Mona2cv@aol.com), Magdeburg
PS: Ich gebe noch
ein Foto mit. Das bin ich mit meiner Ente und dieses Bild wurde
in unserem letzten Theaterspielzeitheft (das sind die Freien
Kammerspiele Magdeburg) abgedruckt, weil mein Intendant meinte,
dass ich sowieso nur mit meiner Ente abgedruckt werden könnte.
Er meinte, dass meine Ente zu mir gehört. :-)

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