Inhalt






aktuelles


info






home(c) 2002 by citroenchen


Antwort von Ramona auf den Bericht von Gardi aus Heft 3:

Sagenhafte Freunde aus dem Wessieland

Stimmt, es war im Sommer 1984. Ich war damals gerade 23 Jahre. Meine Urlaubszeit (meistens so 6 Wochen, da ich schon damals am Theater war und wir die ganze Spielzeitpause über Ferien haben durften) verbrachte ich immer mit einer Tramp-Tour von der DDR bis nach Bulgarien ans Schwarze Meer. Im August waren wir auf der Rücktour. Innerhalb der CSSR (so hieß sie damals noch) trampten meine Freundin und ich mit dem Nationaltrainer vom tschechischen Drachenfliegerverein von Bratislava bis Prag. Er erzählte uns, dass sich die Drachenflieger am Wochenende in Rana auf ihrem Platz zum Drachenfliegen treffen, und fragte uns, ob wir Lust hätten mitzukommen. Gleichzeitig erwähnte er, es finde an diesem Wochenende auf dem gleichen Platz auch ein 2CV-Treffen statt. Was ein "2CV-Treffen" ist, das wussten wir beide absolut nicht, aber Drachenfliegen..... Ihr müsst Euch vorstellen, wir DDR-Leute kannten Drachenfliegen nur aus dem Fernseher oder von Fotos. Drachenfliegen war in der DDR grundsätzlich verboten. Und schon deswegen mussten wir dorthin, um die Drachenflieger zu sehen.

Außerdem hatten wir noch Zeit. Als wir auf dem Platz ankamen, waren dort auf einmal so merkwürdige Autos. Solche Autos hatten wir noch niemals gesehen. Einige hatten hinten noch einen Kasten dran. Einige hatten die merkwürdigsten Lackierungen... Es war richtig klasse. Abends lernten wir dann auch noch die "Typen" kennen, die diese Autos fuhren. Es waren so viele verschiedene Länder vertreten, zu denen wir im Vorfeld kaum Kontakt hatten. Es waren Österreicher dabei (auch schon Günther, der jetzt das letzte Welttreffen in Österreich mit geleitet hat) oder Albi aus der Schweiz oder aber auch Friedrich, ein Entenfahrer aus der DDR, viele Tschechen natürlich und auch Dave aus Holland und Gardi und Stefan Stengel oder Stefan Hirsch und Birgit aus der BRD. Wahrscheinlich waren wir für alle anderen auch ein bisschen exotisch, da wir gerade unsere 4000-km-Tramptour durch den Osten hinter uns hatten. Aber genauso exotisch waren diese Entenfahrer für uns.

Am meistens hat uns die Gemeinsamkeit aller Nationalitäten beeindruckt. Alle fuhren das gleiche Auto und deswegen waren alle schon irgendwie auch innerlich verbunden. Morgens am Frühstück dachte man, man wäre in einer großen Familie, dabei kamen alle aus so unterschiedlichen Richtungen, so dass man sich wahrscheinlich zum größten Teil nur ein- oder zweimal im Jahr traf. Aber trotzdem waren alle so intensiv eng miteinander verbunden.

Für mich war erst ab dem Moment klar, dass diese Wärme der Leute untereinander nichts damit zu tun hat, was mir bis dato immer von der "kapitalistischen" Welt erklärt wurde. "Jeder kümmert sich nur um sich selbst. Wer Geld hat, der hat das Sagen. Wenn Du unten durchfällst, dann musst Du allein sehen, wie Du wieder aufstehst." Das war mein bisheriges Bild vom Kapitalismus – aber dort auf diesem "Ententreffen" in Rana... Das war wahre Freundschaft! Und zwar international!

Okay... heute hab ich auch schon bemerkt, dass trotzdem noch viel wahres dran ist von dem, was ich erahnt habe, wenn man in einer Welt lebt, die sehr materiell ausgerichtet ist. Aber man muss sich eben wie überall seine Freunde suchen. Und Entenfahrer haben ihre Freundschaften... :-)

Damals war für mich klar, dieses Auto und diese Freundschaften, die ich dort geschlossen hatte, das muss weiterhin zu meinem Leben gehören. Es war eigentlich einer meiner wichtigsten Wendepunkte für mein Leben – die Beziehung zur Ente und zu all denen, die diese Leidenschaft mit mir teilen.

Und so begann es....

Nach diesem Wochenende ging ich innerhalb der DDR – zusammen mit Friedrich aus Weißwasser, der ja schon ca. 3 Jahre vor mir die Liebe zur Ente in der DDR entdeckt hatte – auf die Suche.

In Ostberlin wollte tatsächlich einer eine Ente Baujahr 1968 für 10.000,- Ostmark verkaufen. Aber woher sollte ich soviel Geld nehmen. Ihr müsst Euch vorstellen, ein DDR-Bürger verdiente durchschnittlich etwa 500 Ostmark im Monat. Für uns hat es schon gereicht, denn der Lebensunterhalt war wirklich nicht teuer, aber so viel Geld zusammen zu sparen, das ging mit 23 Jahren nun wirklich nicht.

Als ich mein Problem Gardi und Dave erzählte, kamen sie auf die tolle Idee mit den Aufklebern. Kristian (Entwurf) und Verner (Druck) aus Dänemark haben die Aufkleber gemacht. Und die sie sind doch wirklich toll geworden. (Siehe Motiv in Gardis Bericht in Ausgabe 3/2002). Ich habe Gardi 18 Flaschen Bitter (DDR Jägerschnaps) gekauft. Er hat sie erst in die BRD und dann nach Dänemark geschmuggelt. Kristian (6 Fl.) und
Verner (12 Fl.) machten dann aus Alkohol eine Ente...

Das Geld für die Ente habe ich mir aber erstmal von einem Mitspieler der "Bördebrothers" geborgt. Ich weiß nicht, wer sie schon mal erlebt hat. Das ist eine Magdeburger Schauspielertruppe gewesen, die mit "Blödelgesang" ziemlich oft durch die Gegend gezogen sind. 1990, auf meinem ersten möglichen Besuch in Rötgesbüttel, hab ich sie mitgebracht, und alle Entenfahrer durften sie dort erleben. Ich glaube, die "Bördebrothers" mussten damals ca. 2 Stunden lang Zugaben geben :-)

Jedenfalls gab mir einer von denen das Geld und ich vereinbarte mit ihm eine Raten-Rückzahlung. Gardi hatte unterdessen die Aufkleber fertig und ließ sie in Dänemark drucken. Und dann erfolgte – organisiert durch Gardi und Dave – eine Wahnsinns-Verkaufsaktion der Aufkleber auf allen Ententreffen in Deutschland. Und diesen Erlös tauschte Gardi dann 1:5 auf einer westdeutschen Bank in Ostmark... Und stellt Euch vor, ich konnte damit die Ente bezahlen :-)) . Das war ein Wahnsinn! Ich muss mich noch mal bei allen, die diesen Kauf irgendwie mitfinanziert haben bedanken.

Und jetzt lest Euch noch mal durch, was ich früher über den "Kapitalismus" gelernt habe. Was es dort eigentlich nur für Egoisten geben soll... Und dann diese Aktion.... Kann mir da irgendein ostdeutscher Bonze noch irgendwas weismachen?

Und weil ich das natürlich alles erleben durfte und seitdem eine (ziemlich rostige) Ente in der DDR fahren durfte und weil ich dann jährlich zum Treffen nach Rana fuhr und weil mich auch dann weiterhin Dave und Gardi und Stefan Stengel und Alfred oder Ralf aus Köln oder irgendwann auch meine fast "Adoptiv-Eltern" Jan Leo und Ans, immer und immer wieder besuchten, deswegen... durfte ich natürlich auch 7 Jahre lang nicht studieren... Tja... Ich hab mich zwar immer wieder mit Bravur durch die Aufnahmeprüfungen gelotst, aber als es dann zur Immatrikulation kommen sollte, da hieß es immer wieder: "Leider können wir Sie aus Kapazitätsgründen nicht immatrikulieren"! Aber es ging mir trotzdem nicht schlecht. Im Gegenteil, ich hab unheimlich viele Freunde gewonnen und ein wahres Wunderwerk an Erlebnissen gehabt...

Und das mit den Freundschaften hörte ja nie auf.... Es wurden immer mehr und es wurde vor allem immer intensiver. Ich kann heute, glaube ich, in fast ganz Deutschland oder in anderen Ländern nachts Freunde anrufen, die mir zuhören und denen ich was erzählen kann und die sich Zeit für mich nehmen. Und alle haben eins gemeinsam: Sie fahren Ente!

Mittlerweile bin ich 40 Jahre, Gardi ist schon 50, Dave braucht auch nicht mehr lange... aber man hat einen gemeinsamen Nenner, auch wenn die Besuche, ob durch Krankheiten oder durch Stress oder oder oder (bei Dave hundertprozentig auch, weil die Einreisen in die DDR einfach nicht mehr so spannend sind :-) nicht mehr so häufig sind wie vor fast 20 Jahren (da hatte ich wirklich immer 7-8 mal im Jahr Besuch)... aber wenn ich jetzt meine ersten Freunde aus der Entenszene treffe, dann ist es so, als träfe ich meine Brüder!

Danke Dave und Danke Gardi, dass ihr irgendwie meinen Lebenslauf mit bestimmt habt!

Ramona Schramm (Mona2cv@aol.com), Magdeburg

PS: Ich gebe noch ein Foto mit. Das bin ich mit meiner Ente und dieses Bild wurde in unserem letzten Theaterspielzeitheft (das sind die Freien Kammerspiele Magdeburg) abgedruckt, weil mein Intendant meinte, dass ich sowieso nur mit meiner Ente abgedruckt werden könnte. Er meinte, dass meine Ente zu mir gehört. :-)


       
zurück       nach oben        weiter