|
|
||
|
Email an die Redaktion: |
Der kleine
Rundbrief für Citroën-Freunde
|
|
|
|
Raid Australien
2008: Abenteuer pur - for the whole family Wir schreiben das Jahr 1988. Man kann neue Enten für 8888,- Mark neu kaufen, und die vertragen sogar Bleifrei! Wir sitzen mit 2CV-Freunden aus Amerika bei Uschi und Hobo im Wohnzimmer und lauschen mit verklärter Mine ihrem Bericht von der "Raid Australien". Die Ente wüstenfest präparieren, dann auf ein Schiff und ab nach Australien. Zwei Flugtickets, den ganzen Jahresurlaub zusammengekratzt und das Abenteuer kann beginnen. Ich habe noch nie sozialversicherungspflichtig gearbeitet, und ich fahre Ente, weil sie so billig ist und man alles selber dran reparieren kann. Australien bleibt ein Traum. Schnitt. 16 Jahre später. Ich fahre immer noch Ente, weil man alles selber dran reparieren kann. Australien verstaubt irgendwo in der Abstellkammer meiner Urlaubspläne. Da lerne ich Greg kennen, ein Entenfahrer und Citroën-Freund aus West-Australien. "No worries, mate," dann baust du dir eine Rechtslenker-Ente, schickst sie einfach nach Perth, ich helf' dir sie zuzulassen, und dann kommst du mit auf die Raid Australien 2008, "no worries, mate", "kein Problem, Kumpel!". Schnitt. |
|
|
|
DUCHESSE heißt sie, weil sie so blaublütig ist. Eine Engländerin halt. Ein spezielles Püppchen, Dolly Special, in blau und beige. Drei Tage vor dem Beginn der Raid lege ich letzte Hand an. Motorschutzblech montieren, CB-Funk einbauen, CB-Antenne anbringen, neuer Auspuff, neuer Anlasser, neue Lichtmaschine, ... Die Liste ist lang. Doch die Erzählungen von schlecht vorbereiteten Fahrzeugen, die entnervte Besitzer schließlich in der entlegensten Wüste Australiens zurück lassen mussten, weil sie auf den Mensch und Maschine zermürbenden Pisten aufgerieben worden waren, nicht mehr reparabel waren, wirkt bei mir nachhaltig. Zu aufwändig war die Vorbereitung, zu wertvoll sind mir die wichtigsten Wochen des Jahres, da gehe ich llieber auf Nummer Neckermann. Oder so ähnlich. "Soll ich den Antennenhalter anschrauben oder nieten?", fragt Lauri aus Finnland, der ebenfalls letzte Hand an seine mint-grüne Ente legt. "Rivet, rivet!" rufen die Frösche aus dem Teich nebenan. Aha, nieten! | |
|
|
Kaum ist die Acadiane repariert, lauert die nächste Gefahr auf uns: "FALLING ROCK RISK AREA" verkündet ein Warnschild. Röcke fallen ohne Warnung! Gehe nicht hinter dieses Schild! Begib dich direkt dorthin! Gehe nicht über Los! Ziehe nicht 4000 Mark ein! Mir kommen die vielen Warnungen aus den Reiseführern über die lebensbedrohenden Gefahren des Outbacks in den Sinn. War es wirklich richtig, so eine gefährliche, leichtsinnige und halsbrecherische Expedition zu wagen? |
|
|
|
Ich bin immer schön dicht an meinem
Vordermann geblieben, um ihn nicht zu verlieren. Abends ein erster Check von
DUCHESSE. Ist noch alles da? Der Luftfilter ist nach einem Tag in der
Staubfahne des Vorherfahrenden völlig verstaubt. Drei Filtereinsätze habe ich
mit - ich gehe sparsam damit um. Oberste Maxime ist: Abstand halten, auch
schon mal 1 km. Hier geht niemand verloren. Nun gut. Halte die Ente so
leicht wie möglich, hieß es. Kein überflüssiges Gramm kommt in den Kofferraum. 50
Liter Wasser, 50 Liter Benzin, Zeltausrüstung, Werkzeug, Kameras, Essen
für 5 Tage - da bleibt kein Platz für sonst übliche Annehmlichkeiten.
Die erfahrenen unter uns haben alkoholische Getränke in Plastikflaschen umgefüllt - wegen des Gewichts. In der Nacht friert es Stein und Bein. Schließlich ist in Australien im August Winter. Nur dank unserer hervorragenden Expeditionsausrüstung überleben wir die erste Nacht. Wir haben natürlich keinen Schnaps dabei. Es gibt aber auch kaum irgendwo Schnaps. Australien lebt noch heute die Prohibition - Alkohol gibt es nur in wenigen Liquor Shops in den Städten. Voller Entbehrungen erreichen wir Kalgoorlie, den Ausgangspunkt der Raid. |
|
|
|
Großes Hallo - "Family
car" mit dem Sarg auf dem Dach ist schon da, doch diesmal gehen Eon und
Diana ihren Familienurlaub etwas lockerer an: Zwei Enten für zwei Eltern
und zwei Kinder, da muss man nicht so mit dem Gepäck geizen. Wir bestaunen
die umfassende Raid-Gourmet-Ausrüstung der australischen Teams: Zelte, die
so manchem Zirkus zur Ehre gereichen würden, geräumige Klapptische aller
Art, bequeme Campingsessel, faltbare Küchen mit mehrflammigen Kochern,
Kühlschränke für Fleisch, Butter, Getränke, kistenweise Lebensmittel,
Bier, Wein.... es fehlt an nichts.
Der jüngste Teilnehmer ist gerade über ein Jahr, und der vierjährige Eric hat einen gleichaltrigen Spielpartner gefunden. Die meisten Teilnehmer sind zum Dinner in der VIP-Lounge des "Kalgoorlie Trotting Club", unserem Gastgeber für diese Nacht, und verspielen ihre Rente beim Trabrennen. Sie kommen gerade von der Ostküste, sind mal eben 3500 km zum Start der Raid angereist. Wir campen auf einem Vollrasenplatz und genießen den Luxus einer organisierten Familienreise, bei der man sich um nichts kümmern muss. Haben wir uns doch verbucht? |
|
|
Mount Monger Road |
Doch kein Grenzbeamte hält uns auf. Von Menschen weit und breit keine Spur. Allenfalls ausgebeinte Autowracks am Straßenrand zeugen von Resten der Zivilisation. Wir machen unsere erste "tea break". Ralph kocht Teewasser im "billy", den er an ein Dreibein hängt, auf ein paar trockenen Zweigen - schneller als jeder Campingkocher. Als die Autowrackdichte am höchsten ist, sind wir nahe der Aborigine Community. Doch abbiegen, das Dorf besuchen dürfen wir nicht. Auch Fotos sind untersagt. Nach 60 km verlassen wir das Reservat. |
|
|
tea break im outback |
Die Route beginnt Spaß zu machen:
Ein schmaler, einspuriger Lehmweg führt durch lockeres, leicht welliges
Buschland. Auf glatten Abschnitten sind bis zu 40 km/h drin. Doch oft
müssen wir bis zur Schrittgeschwindigkeit abbremsen, um nicht irgendwo
aufzusetzen. Extrem sandige Abschnitte fahren wir einzeln, damit sich nicht
die ganze Kolonne festfährt, wenn einer stecken bleibt.
Bald lernen wir Ralphs Ansagen im CB-Funk von großen Steinen, Ästen, steinharten Ameisenhügeln, ausgewaschenen Stellen oder unerwarteten Abzweigungen schätzen. Jetzt ist Trockenzeit, doch wenn es mal regnet, werden halbmetertiefe Gräben in die Piste gespült, die hier niemand repariert. |
Washout |
|
Sandpiste im Queen Victoria Spring Nature Reserve |
Mit jedem Tag lerne ich besser, die
Ente durch dieses Terrain zu manövrieren, ohne mich im Sand festzufahren.
Einziges Lehrgeld ist ein abgerissener Beifahrerspiegel und ein paar Beulen im
Unterboden. Es zeigt sich, dass der 2CV auch für weichen Sand erstaunlich
gut geeignet ist, solange es keine starken Steigungen gibt.
Der Weg wirkt, als sei er zuletzt vor einem Jahr befahren worden. In der Mitte stehen bis zu 30 cm hohe Spinifex-Polster, die Nina "bottom brush" tauft - Unterbodenbürste. Obwohl es wunderschön aussieht, hat es das Australische Steppengras in sich: Es hat nadelscharfe Spitzen, die man nach unvorsichtiger Berührung noch tagelang unangenehm in der Haut spürt. Außerdem können sich beim Überfahren Zweige im Motorraum sammeln und am Auspuff entzünden. Also heißt es jeden Abend beim Routine-Check: Spinifex aus dem Motorraum entfernen! Nicht nur die Flora, auch die Fauna verdient besondere Beachtung. Manche Vertreter der Gattung "Säugetier" haben es schon lange hinter sich, andere Reptilien scheinen noch sehr jung zu sein. Der Kollege rechts ist echt und lebendig, kein Gummi-Imitat aus Disneyland. |
Bottom Brush (Spinifex) |
|
Auto-Check am busch camp |
Bei dem Blick unter den Wagen stelle ich fest, dass das Gestrüpp mir fast die Benzin- und die Bremsleitung abgerissen hätte - eine sehr unangenehme Panne, wenn man 300 km von der nächsten Tankstelle entfernt ist und gerade den letzten Benzinkanister eingefüllt hat. Die serienmäßigen Plastik-Clipse zur Befestigung der Leitungen reichen hier nicht aus. Nicht umsonst wurde von den Organisatoren empfohlen, die Leitungen sorgfältig an mehreren Stellen mit Draht oder Kabelbindern zu befestigen. Dies improvisiere ich nun im Outback. Bei der Gelegenheit ziehe ich auch gleich die Schrauben der Achsbefestigung und die Stoßdämpfermuttern nach, die sich durch die Vibrationen auf den Wellblechpisten gerne lösen. |
Lehrgeld... |
|
Treffenromantik |
Jeden Abend gibt es ein "bush camp". Platz ist hier mehr als genug, selbst 115 Raider hinterlassen kaum eine Spur. Schnell sind ein paar Lagerfeuer entfacht und köstliche Mahle aus den Lebensmittelkisten gezaubert. Die Sonne geht früh und vor allem schnell unter und nimmt alle Wärme mit. Sie macht einem atemberaubenden Sternenhimmel Platz, der nicht durch Feuchtigkeit, Abgas, Dunst oder Kunstlicht getrübt wird. Die Milchstraße ist schon in der Abenddämmerung erkennbar. Zum ersten Mal in meinem Leben sehe ich die Magellan-Wolken, eine Galaxis aus Millionen von Sternen, die der Entdecker, nach dem sie benannt sind, fälschlicherweise für eine kleine Wolke am Nachthimmel gehalten hat. Die Bush Camps sind für mich die beeindruckendste Erinnerung an das Outback. |
|
|
|
Am sechsten Tag verlassen wir die kaum berührten Gegenden und gelangen in das "Station land". Auf riesigen Ländereien haben sich hier Einsiedler in der Tierhaltung versucht. Wir hören von einer Station, die auf 3.000 km² 3.000 Rinder hält. Nicht immer ist der Traum vom schönen Landleben aufgegangen. Am sechten Abend campen wir bei der aufgegebenen Bandya Station nördlich von Laverton. Die Bewohner haben alles, was hier jemals hingeschafft worden ist, zurückgelassen. Ein Schrotthändler kommt hier nie vorbei. Etwas abseits des bis auf die Grundmauern abgebrochenen Farmhauses muss die Garage gewesen sein. Autowracks aus den zwanziger Jahren, bergeweise Motor- und Getriebeteile dazu, Stacheldrahtrollen, alle Metallteile haben die Jahrzehnte im trockenen Klima überdauert und vereinigen sich allmählich wieder mit der roten Erde. Das jüngste Überbleibsel war eine Honda SS50 von 1969, die wahrscheinlich mit wenigen Handgriffen wieder zum Laufen zu überreden gewesen wäre. |
|
| In Teil 2 durchqueren wir mit unseren Enten eine der einsamsten Gegenden des Kontinents auf Pisten, wo das letzte Auto vor einem Jahr gefahren ist und die ganz bestimmt nur für Allradfahrzeuge geeignet sind. | ||
|
|
||