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Raid Poronkusema:

"Mit der Ente in den Schnee"

Ganz Europa hat seine Enten eingewintert. Ganz Europa? Nein! Ein kleiner Haufen Unverbesserlicher wird bei Eis und Schnee erst richtig munter. Der Höhepunkt der Winterfreuden war alle zwei Jahre die Raid Laponie. Endlose Weite in Lappland, das Nordkapp im Februar, extreme Minustemperaturen, Schneegestöber, sogar Abstecher nach Russland standen auf dem Programm. Über 300 "Superfinnen" wurden in 20 Jahren am Polarkreis mit fermentiertem schwedischem Fisch getauft. Doch man soll aufhören, wenn es am schönsten ist: 2004 war  Schluss mit der Raid Laponie. 

Ganz Schluss? Nein! Schon bald setzte der "Raid-Lag" auch beim Veranstalter ein, und er lud den harten Kern kältesüchtiger Raider zur Mini-Raid Vehu. Seit 2005 trifft man sich jährlich im Wald Mittelfinnlands und protestiert für eine neue Raid. Fünf Jahre reifte die Idee einer Midi-Raid, bis 2009 die Raid Poronkusema geboren war. Weniger Stress, mehr Spaß und ansonsten die bewährten Traditionen der Raid Laponie.

14 Teams aus 10 Ländern rüsteten ihre Heizungen im 2CV auf, isolierten Dach und Boden, füllten Winteröl ein, besorgten Winterreifen und gaben ihrem 2CV eine besonders sorgfältige Inspektion. Treffpunkt war eine alte Schule in der Nähe von Mikkeli/Südfinnland, die zur Herberge umgebaut worden war. Die weiteste Anreise mit dem AK 400 hatte ein Team aus Norditalien. Die weiteste Anreise hatte freilich ein Teilnehmer aus Nordaustralien, der sogar den tropischen Hochsommer hinter sich ließ, um die arktische Kälte zu genießen.  

Zwei Teams aus England brachten ihre Allradenten über Nord- und Ostsee, um im Schnee von Finnland zu spielen. Für alle galt das Motto der Secret Society of Superfins: "Always heading north" - Immer nach Norden! 

DSC03070.jpg (96378 Byte)Zwei lange Tagesetappen brachten uns nach Saariselkä im Herzen von Lappland. Drei Tage "Winter fun" in einem urgemütlichen Blockhaus in der Nähe des bekanntesten finnischen Wintersportortes standen auf dem Programm. 

Hier konnten wir nach Herzenslust auf beleuchteten Pisten und Loipen Schilaufen, eine Rentierfarm besichtigen, mit Reif über und über verkrustete Häuser, Schilder und Bäume bewundern, auf verschneiten Straßen driften und unsere Autos in den Graben fahren. 

Essen, Trinken, Sauna und Musik: So könnte man das Abendprogramm zusammenfassen. Spezialitäten aus ganz Europa kamen zur "Dégustation" auf den Tisch: Schottischer Haggis, Käse aus Frankreich, italienische Pasta, englischer Früchtekuchen, belgisches Kirschbier, holländischer Genever, finnischer Fisch, deutscher Pumpernickel mit Fleischwurst, australischer "road kill" und österreichische Mozartkugeln - um nur einige der Delikatessen zu nennen. Abgerundet wurde das Festmahl durch alle Arten von Bier, Wein und Schnaps aus den Destillen der Welt. 

K3009_poronkusema.jpg (171776 Byte) Was heißt eigentlich "Poronkusema"? poron = Rentier, kusema = Pisse. Poronkusema ist eine Längeneinheit aus Lappland: die Entfernung, nach der ein Rentierschlitten angehalten werden muss, damit das Rentier seine Notdurft verrichten kann (1 PK = 6,14 km). Der Begriff entwickelte sich während der Raid zum Synonym für Ungemach, Missgeschick: "poronkusema happens" - statt "shit happens". 

Bereits auf der Anreise widerfuhren den Raidern etliche Poronkusemas. Von allen gewählten Verkehrsmitteln waren die 2CVs die zuverlässigsten, Flugzeuge und Linienbusse die unzuverlässigsten. 

Den ersten Preis für die größte Anreise-Poronkusema teilen sich der Raider aus Nord-Australien, der wegen eines verspäteten Flugs 60 Stunden für die Anreise aus Australien brauchte, und ein vielfacher Superfin aus Paris. Sein Ami 6 kam bis Bremen, dann zwang ein Elektrikausfall zum Abbruch der Fahrt. Er gab jedoch nicht auf, sondern fuhr wieder nach Hause und flog kurzentschlossen nach Helsinki. Das größte Poronkusema war, dass er nun im Xantia seines eigentlichen Beifahrers aus Helsinki mitfahren musste. 

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Haupt-Poronkusemas auf der Raid-Strecke in Finnland

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Einer der Organisatoren eröffnete den Poronkusema-Reigen mit der Reparatur eines Dyane-Türschlosses. Da es draußen etwas kalt und dunkel war, baute er die Tür kurzerhand aus und verlagerte die Reparatur ins Treppenhaus der ersten Unterkunft. 

Im weiteren Verlauf entspannte sich die Situation etwas. Die Poronkusemas der Winterraider beschränkten sich im Wesentlichen auf Fahrten in den (verschneiten) Straßengraben (Engl. "ditching", von ditch = Graben) mit anschließender Fremdhilfe. Zum Glück gingen alle Grabenfahrten glimpflich ohne Blech- oder Personenschaden aus. Hier zeigt sich insbesondere die große Erfahrung der Teilnehmer mit den winterlichen Straßenverhältnissen. 

Die Teilnehmer bemühten sich, möglichst lustige Poronkusemas hervorzurufen. Von besonderer Güte erscheint uns das folgende ditching: Ein Raider wählte (unabsichtlich) eine Schneemobil-Route als Ausfahrt aus einer Tankstelle. Leider tragen 50 cm Pulverschnee eine Dyane nicht, so dass sie mit dem kompletten Rahmen auflag. Zum Glück war die Allradente schnell zur Stelle und zog den Havaristen aus dem Tiefschnee. 

Nicht unerwähnt bleiben soll jedoch der erste Platz für das originellste Poronkusema in Finnland, den souverän der Veranstalter (bzw. sein Beifahrer) abräumte. Ihm gelang es, auf einer gesperrten Straße über die zugefrorene Ostsee 2 Felgen, ein Federauge und eine Bremsleitung mit Hilfe einer Eisscholle zu zerstören. Sein 2CV "Kallefarao" lag daraufhin mit einer Seite auf dem blanken Eis. Natürlich hatte ein Raider Ersatz für das defekte Fahrwerksteil dabei, und innerhalb von kaum 1 1/2 Stunden war der 2CV wieder fahrbereit. Die weniger abenteuerlustigen Raider konnten das Geschehen von der Eisbrecher-Fähre aus betrachten, die parallel zur Eisstraße unbeirrt ihren Kurs von Hailuoto zum Festland hielt.

Das andere Team aus England, der wegen der besseren Fahreigenschaften auf glatten Straßen mit der Allradente angereist war, wurde von einem entgegenkommenden Bus in den Graben gedrängt. Die Neigung der Straßenflanke war so groß, dass der 2CV trotz 4WD aus eigener Kraft nicht wieder auf die Fahrbahn kam. Merke: Allrad schützt vor ditching nicht. 

Dem Teilnehmer aus Australien gelang es, auch ohne Fremdeinwirkung in den Graben zu finden. Ihm sei zu Gute gehalten, dass er die ganze Zeit auf der falschen Straßenseite fahren musste. Ein Effekt, der dem Verfasser umgekehrt aus Großbritannien sehr vertraut ist und ihn einst einen Reifen kostete ("Fahr nicht immer so nah am Bordstein!").

Einem belgischen Team gebührt der Preis für die am häufigsten geöffnete Motorhaube. An der Tankstelle hieß es: Benzinstand prüfen und Öl auftanken. Extra für die Raid war ein ganz frisch überholter Motor eingebaut worden. 9,5 Liter Öl auf 6500 km entsprechen einem Gemisch von 1:43. Das erscheint selbst für einen Zweitakter etwas viel.

Last but not least sei der vielleicht lustigste Poronkusema genannt. Eine Kastenente hatte einen Zuganlasser, wie es sich in den 60er Jahren gehörte. Eines Morgens vergaß der Fahrer, die Zündung einzuschalten. Als er dies nach ein, zwei Minuten bemerkte, drehte er flugs den Zündschlüssel rum. Was zu einer Explosion des sorgfältig angesammelten Benzin-Luftgemischs im Auspuffquertopf und zu anschließenden Bastelstunden führte.

Einen inszinierten Zwischenfall könnte man für die Raid-Neulinge auch unter "poronkusema" ablegen: Die Polartaufe. Zum Leidwesen der Neulinge und zur Freude aller übrigen Teilnehmer hatte Henkka auch dieses Mal keine Mühen gescheut, um eine Dose überlagerten, fermentierten Hering aus Schweden nach Finnland zu schmuggeln. Dieser "Surströmming" gilt nur in Schweden als Delikatesse. Das Geruchserlebnis des mit dem ersten Anstich ausströmenden Faulgases ist absolut unbeschreiblich. Augenblicklich verloren alle Tannen im Umkreis von 100 Metern ihre Nadeln. Tapfer verzehrten die Novizen ihren Anteil und fuhren mit offenem Fenster weiter.

Zwischen all diesen Ereignissen haben wir vor allem genossen, mit dem 2CV durch die verzauberte Winterlandschaft Lapplands zu fahren. Es gibt kaum ein besseres Auto für verschneite Straßen. Oft wählen wir absichtlich einsame Nebenstraßen, die nicht geräumt waren. Die runderneuerten italienischen (!) Spikesreifen zogen unsere Ente bei 100 km/h schienengleich über das blanke Eis. An mehreren Stellen galt dies wörtlich: Sobald Gewässer dick genug zugefroren sind, werden Eisstraßen auf den Seen und sogar auf der Ostsee frei gegeben. Dies war für viele das beeindruckendste Fahrerlebnis. 

Die Stimmung unter den Raidern gibt ein kleines Video (6 MB) aus Vehu wieder: Es zeigt die Frozen Duck Band live on stage. Pertti aus Kajaani hat den Raid Poronkusema-Song geschrieben.

Karsten, SB-CV 911

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